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Verständnis der Militärmedizin
Wandbild

„Aus dem Leben des medizinischen Dienstes der Nationalen Volksarmee“ (Grafik-Zyklus von Helmut Maletzke, Greifswald)

Das Verständnis der Militärmedizin in der DDR

Gliederung

Einleitung
Theorie der Militärmedizin (militärmedizinische Theorie)
Praxis der Militärmedizin (militärmedizinische Praxis)
Organisation der Militärmedizin (militärmedizinische Organisation)
Die Militärmedizin als wissenschaftliche Grundlage der medizinischen Sicherstellung der Landesverteidigung
Epilog
Literatur

Einleitung
Ernsthafte Überlegungen zur theoretischen Begründung der Militärmedizin im Sinne ihrer wissenschaftswissenschaftlichen bzw. wissenschaftssystematischen Charakteristik begannen in der DDR mit der Erarbeitung der „Handbuchreihe des medizinischen Dienstes“ (13) und insbesondere des Hochschullehrbuches „Militärmedizin“ (17) Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sie wurden intensiv fortgeführt mit der sich daran anschließenden Herausgabe der „Handbücher für  Militärmedizin“ (5 – 12) in den1980er Jahren. Diesem Vorhaben lag das in der marxistischen Philosophie und insbesondere im dialektischen Materialismus begründete Verständnis zugrunde, dass es ohne eine am internationalen Entwicklungsstand orientierte wissenschaftliche Theorie keine erfolgreiche Praxis geben könne, diese in purem Pragmatismus verharre.
Die wissenschaftswissenschaftliche Charakteristik der Militärmedizin ging von den Kriterien aus, die allgemein als Merkmale einer wissenschaftlichen Disziplin galten und diese in ihrer Gesamtheit als solche auswiesen:  Definition,  Ziel, Objekt, Gegenstand, (Haupt-)Aufgaben, Bestandteile, Begriffe/Kategorien und Methoden. Begrifflich orientierte sie sich die an der Terminologie der sowjetischen Militärmedizin (3).
Diese in der DDR erstmalig und alleinig in den sozialistischen Staaten vorgenommene umfassende wissenschaftswissenschaftliche Charakteristik der Militärmedizin wurde von Anbeginn nicht als ein unumstößliches Dogma aufgefasst. Sie sollte vielmehr ein Ansatz, ein Angebot für einen auf dieser Grundlage zu führenden wissenschaftlichen Meinungsstreit und schließlich zu formulierenden wissenschaftlichen Standpunkt über die Militärmedizin, ihr  historisches Werden und ihre aktuelle Stellung innerhalb von Medizin und Gesellschaft bilden. Dieses Anliegen konnte ob der gesellschaftlichen Veränderungen Anfang der 1990er Jahre nicht verwirklicht werden. So bleibt der nachfolgend dargestellte theoretisch-methodologische Ansatz über seinen allgemeinen Informationsgehalt hinaus auch heute eine Diskussionsgrundlage für eine noch ausstehende abschließende Positionsbestimmung der Militärmedizin und ist bewusst als Aufforderung und nochmalige Anregung zum Meinungsaustausch zu verstehen und zu werten, um die Ausarbeitung einer Methodologie der Militärmedizin zu befördern, die bis heute aussteht. Die Notwendigkeit einer solchen Aufgabe bestätigt unter anderem der Umstand, dass der historisch entstandene Begriff „Militärmedizin“ zwar heute in alle Sprachen der Welt Eingang gefunden hat und zum offiziellen internationalen Wortschatz zählt, es aber immer noch keine allgemeingültige Definition der Militärmedizin gibt. Dabei lehrt die tagtägliche weltweite Situation, nach der kriegerische Auseinandersetzungen unverändert an der Tagesordnung sind, dass es zur wirksamen medizinischen Beherrschung derartiger Ausnahmesituationen wissenschaftlich begründeter Ideen und Vorstellungen für eine adäquate Praxis und Organisation bedarf, um das Leben möglichst vieler Geschädigter zu erhalten und zu retten und günstige Voraussetzungen für die Wiederherstellung ihrer Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zu schaffen.
Für die weitere Betrachtung ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass in der Militärmedizin der DDR im Unterschied zu den für die Bevölkerung/im staatlichen Gesundheitswesen/im zivilen Bereich gebräuchlichen Begriffen „Gesundheitswesen“ und „Gesundheitsschutz“ offiziell die Begriffe „medizinischer Dienst“ und „medizinische Sicherstellung“ Anwendung bzw. Verwendung fanden.

Theorie der Militärmedizin (militärmedizinische Theorie)
Die militärmedizinische Theorie stellte den Bereich dar, der die wissenschaftlichen/ theoretischen und methodologischen Grundlagen für das Gesamtsystem der medizinischen Sicherstellung der Streitkräfte/der Landesverteidigung unter den verschiedenen Bedingungen der Tätigkeit und des Einsatzes im Frieden/unter Garnisonbedingungen und im Krieg/unter Gefechtsbedingungen ausarbeitete. Methodologisch und wissenschaftssystematisch wurde die Militärmedizin nach den folgenden Kriterien als Fach- oder Wissenschaftsdisziplin charakterisiert:
Definition der Militärmedizin
Die Militärmedizin galt in der DDR im engeren/eigentlichen Sinne als spezifische Form des sozialistischen Gesundheitsschutzes und in der Einheit von Theorie, Praxis und Organisation als die eng mit der Medizin und der Militärwissenschaft verbundene Wissenschaft von der medizinischen Sicherstellung der Streitkräfte im Frieden/unter Garnisonbedingungen und im Krieg/unter Gefechtsbedingungen. Im weiteren Sinne bildete sie die wissenschaftliche Grundlage des Gesundheitsschutzes in den bewaffneten Kräften (auch bewaffnete Organe genannt) und bei der medizinischen Sicherstellung der Landesverteidigung (MSLV).
In der Praxis des Gesundheitswesens sowie des Hoch- und Fachschulwesens der DDR bedeutete das jedoch nicht die Anerkennung der Militärmedizin als selbständiges Fach- bzw. Lehrgebiet. Die Militärärzte, -zahnärzte und -apotheker erhielten nach dem Studium Urkunden über die staatliche Approbation als Arzt, Zahnarzt oder Apotheker und nach der Fachweiterbildung Urkunden über die staatliche Anerkennung als Facharzt, -zahnarzt oder –apotheker im jeweils zutreffenden zivilen Fachgebiet. Berufungen zum Dozenten oder Professor und die Erteilung der facultas docendi wurden für „Militärmedizin/ziviles Lehrgebiet z. B. Sozialhygiene“ erteilt (Bild 1). Ausnahmen galten für die Abteilungen Militärmedizin der Universitäten und Medizinischen Akademien, an denen die Militärmedizin als Lehrgebiet vertreten war.

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Urkunde Berufung zum Professor



Die Streitkräfte in der DDR verkörperte die Nationale Volksarmee mit den dem Ministerium für Nationale Verteidigung direkt unterstellten
• Einheiten und Truppenteilen,
• den Teilstreitkräften (Landstreitkräfte, Luftstreitkräfte/Luftverteidigung und Volksmarine) sowie
• den Grenztruppen der DDR,
• der Stadtkommandantur Berlin und
• der Zivilverteidigung (ab 19--?, vorher dem Vorsitzenden des Ministerrates unterstellt).
Zu den bewaffneten Organen zählten des Weiteren:
• Einheiten des Ministeriums des Innern;
• Kräfte des Ministeriums für Staatssicherheit;
• Kampfgruppen der Arbeiterklasse und unter dem Aspekt von Sicherheitskräften in eingeschränktem Umfang auch die
• Zollorgane der DDR.
Der Begriff medizinische Sicherstellung der Landesverteidigung charakterisierte die Gesamtheit der gesundheitspolitischen Maßnahmen des Staates zur allseitigen Sicherung der militärischen und zivilen medizinischen Erfordernisse der Landesverteidigung unter den Bedingungen eines modernen Krieges (17, 18). Unterschieden wurden 2 Seiten:
• Die militärische Seite
Sie umfasste alle im Interesse der militärischen Landesverteidigung zu erbringenden Leistungen des Gesundheits- und Sozialwesens für die Streitkräfte als Beitrag zur Gewährleistung und Erhöhung deren Gefechtsbereitschaft.
• Die zivile Seite
Hierzu zählten alle gesundheitspolitischen Maßnahmen zur Vorbereitung des Gesundheitswesens auf die Arbeit im Verteidigungszustand und zur Gewährleistung eines effektiven und optimalen Gesundheitsschutzes der Bevölkerung unter den Bedingungen eines modernen Krieges. Sie fanden ihren Niederschlag im Medizinischen Schutz der Bevölkerung.
Für die Erfüllung der sich hieraus konkret ableitenden Aufgaben zur MSLV, deren Planung, Leitung und Organisation, trug das Ministerium für Gesundheitswesen als zweigspezifisches, wirtschaftsleitendes zentrales Staatsorgan die Verantwortung. Hierzu verfügte es ab 1968 als „Stabsorgan“ über eine Abteilung I (15) mit den Struktureinheiten:
• Koordinierungsabteilung (7 Mitarbeiter);
• Unterabteilung Medizinischer Schutz der Bevölkerung (5 Mitarbeiter) und
• Sektor Wirtschaftstatistik (3 Mitarbeiter).
Ziel der Militärmedizin
Das Ziel der Militärmedizin bestand in der Sicherstellung eines optimalen Gesundheitsschutzes der Angehörigen der Streitkräfte unter den spezifischen Bedingungen militärischer Tätigkeit im Frieden und im Krieg, insbesondere in außergewöhnlichen Situationen, die mit einem Massenanfall Hilfebedürftiger einhergingen.
Objekt der Militärmedizin
Das Objekt der Militärmedizin war der Mensch unter dem Aspekt von Gesundheit und Krankheit unter den Bedingungen der militärischen Umwelt und Praxis im Frieden und im Krieg.
Gegenstand der Militärmedizin
Den Gegenstand der Militärmedizin bildeten die verschiedenen allgemeinen und spezifischen Erscheinungen und Bedingungen der militärischen Umwelt und Praxis im Frieden und im Krieg in ihrer Wechselbeziehung zur Gesundheit der Angehörigen der Streitkräfte  als wesentliches Element ihrer Kampf-, Dienst- und Arbeitsfähigkeit sowie die sich daraus ableitenden Gesetzmäßigkeiten, Bedingungen, Formen und Methoden der medizinischen Sicherstellung.
Im Einzelnen wurden dazu gezählt:
• die allgemeinen und spezifischen Bedingungen, Erscheinungen, kausalen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der militärischen Umwelt und Praxis in ihrer Bedeutung für die optimale Erhaltung, Festigung und Wiederherstellung der Gesundheit der Angehörigen der Streitkräfte;
• die Ursachen für die Entstehung, die Gesetzmäßigkeiten des Verlaufs und die konkreten Erscheinungsformen von Schädigungen unter den Bedingungen der militärischen Umwelt und Praxis;
• die Verfahren, Mittel und Methoden für eine wissenschaftlich begründete Prophylaxe, Diagnostik und Therapie unter den Bedingungen der militärischen Umwelt und Praxis;
• die Bedingungen für die Organisation der medizinischen Sicherstellung und die Arbeit des medizinischen Dienstes sowie die konkreten Formen und Methoden des Einsatzes der Kräfte und Mittel.
Aus dem gemeinsamen Objekt der Medizin und der Militärmedizin, das der Mensch unter dem Aspekt von Gesundheit und Krankheit darstellt, wurde deren Einheit als medizinische Wissenschaften, aus dem besonderen Gegenstand der Militärmedizin und deren Bezug auf die Bedingungen der militärischen Umwelt und Praxis ihr selbständiger Charakter als Wissenschaftsdisziplin abgeleitet.

Aufgaben der Militärmedizin
Als Aufgaben, vielfach auch als Hauptaufgaben bezeichnet, galten die:
• Sicherung des wissenschaftlichen Vorlaufs sowie Schaffung und ständige Vervollkommnung der theoretischen und organisatorischen Grundlagen für die medizinische Sicherstellung der Landesverteidigung, insbesondere der Streitkräfte, sowie für die Arbeit des medizinischen Dienstes;
• Studium der Gesetzmäßigkeiten und Bedingungen der militärischen Umwelt und Praxis in ihrer Wirkung auf die Gesundheit des Menschen sowie Aufdeckung der sich daraus ableitenden Ursachen für die Entstehung von Krankheiten und Schädigungen;
• Ausarbeitung zweckmäßiger Verfahren und Methoden sowie Entwicklung wirksamer Mittel für die Erhaltung, Förderung und Wiederherstellung der Gesundheit sowie für die Prophylaxe, Diagnostik und Therapie unter den Bedingungen der militärischen Umwelt und Praxis;
• Erarbeitung wissenschaftlich begründeter Formen und Methoden für eine effektive medizinische Sicherstellung der Landesverteidigung, insbesondere der Streitkräfte, sowie für eine rationelle Arbeit des medizinischen Dienstes, die am besten den Forderungen der Militärdoktrin entsprachen;
• schöpferische Verallgemeinerung der Erkenntnisse anderer Wissenschaften, insbesondere der Medizin und der Militärwissenschaft, entsprechend den konkreten Aufgaben und Bedingungen der medizinischen Sicherstellung der Landesverteidigung, insbesondere der Streitkräfte, und den Anforderungen an die Tätigkeit des medizinischen Dienstes.
Die Realisierung dieser Aufgaben wurde als Beitrag der Militärmedizin zur Verwirklichung der humanistischen Ziele der Gesundheitspolitik und des Gesundheitsschutzes des sozialistischen Staates in ihrem speziellen Wirkungsbereich und mit ihren spezifischen Mitteln und Methoden, als ihr spezieller Beitrag und Auftrag zur Erhöhung der Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft und somit zur Erfüllung des militärischen Klassenauftrages der sozialistischen Streitkräfte (NVA) betrachtet.
Bestandteile der Militärmedizin
Die Bestandteile einer Wissenschaftsdisziplin als Ausdruck der Differenzierung und Spezialisierung im Prozess ihrer Entwicklung trugen in der Militärmedizin der DDR die Bezeichnung Zweige. Zu ihnen wurden gezählt (in alphabetischer Reihenfolge):
- Feldchirurgie, 1)
- Feldepidemiologie, 2)
- Geschichte der Militärmedizin, 2)
- Innere Militärmedizin, 1)
- Luftfahrtmedizin, 3)
- Marinemedizin, 4)
- Militärhygiene, 2)
- Militärmedizinische Geographie, 2)
- Militärpathologie, 1)
- Militärpharmazie, 2)
- Militärradiologie, 2)
- Militärische Gerichtsmedizin, 1)
- Militärische Leistungsphysiologie bzw. Leistungsmedizin, 2)
- Militärmedizinalstatistik, 2)
- Militärtoxikologie, 2)
-Organisation der medizinischen Betreuung unter Garnisonbedingungen/Militärische Sozialhygiene, 2)
- Organisation und Taktik des medizinischen Dienstes. 2)
_________________________________________
   1) Vertreten an der Militärmedizinischen Akademie (MMA).
   2) Vertreten an der MMS.
   3) Vertreten am Institut für Luftfahrtmedizin (IFLM).
   4) Vertreten am Marinemedizinischen Zentrum (MMZ).

Begriffe der Militärmedizin
Die Militärmedizin verfügte als fachübergreifende Disziplin nur über wenige typische eigenständige Begriffe, die meisten entstammten aus anderen Disziplinen, die sie mit diesen gemeinsam hatte. Ergänzend zu den bereits genannten Zweigen sind als weitere fachspezifische Begriffe (in alphabetischer Reihenfolge und nicht vollständig) zu nennen:
- Etappenbehandlung mit zielgerichtetem Abtransport
- Feldlazarett
- Geschädigter
- Hilfseinrichtung, Hilfskrankenhaus
- Hygienisch-antiepidemische Sicherstellung
- Kombinierte Schädigung
- Massenanfall Geschädigter
- Materiell-medizinische Mittel
- Materiell-medizinische Sicherstellung
- Medizinische Einstufung
- Mehrfachschädigung
- Militärmedizinische Aufklärung und Erkundung
- Militärmedizinische Einsatztaktik
- Militärmedizinische Geografie
- sanitäre Verluste
- Verbandplatz.
Die kritischen Diskussionen im Vorfeld der Charakteristik der Militärmedizin führten letztlich zu dem Ergebnis, dass kein militärmedizinischer Begriff den Anforderungen an die Definition einer Kategorie genügt, weshalb sie nicht benannt werden konnten.
Methoden
Als Hauptmethoden im Sinne der Verwendungshäufigkeit für die militärmedizinisch-wissenschaftliche Arbeit und Forschung galten:
- die logische Methode;
- die historische Methode;
- die experimentelle Methode;
- die statistische Methode;
- die soziologische Methode.
Als die allgemeine methodologische Grundlage militärmedizinisch-wissenschaftlicher Untersuchungen wurde die dialektisch-materialistische Methode betrachtet

Die Praxis der Militärmedizin (militärmedizinische Praxis)
Der Begriff Praxis hatte nach dem Verständnis der marxistisch-leninistischen Philosophie die Tätigkeit der Menschen in ihrer konkreten natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zum Inhalt, er charakterisierte demzufolge ihre Ausübung in den verschiedenen Bereichen und unter den unterschiedlichen Bedingungen. Davon ausgehend zählten in der Militärmedizin der DDR zur militärmedizinischen Praxis:
• die medizinische Betreuung unter Garnisonbedingungen als militärmedizinische Praxis im Frieden (2, 12);
• die medizinische Sicherstellung unter Gefechtsbedingungen als  militärmedizinische Praxis im Krieg. (Das Militärlexikon der DDR enthält folgende Erläuterung: „Medizinische Sicherstellung: Teil der rückwärtigen Sicherstellung, der vom medizinischen Dienst mit dem Ziel organisiert wird, die Kampffähigkeit der Truppen zu erhalten, der Entstehung und Ausbreitung von Krankheiten vorzubeugen, den Geschädigten und Kranken rechtzeitig  medizinische Hilfe zu erweisen, sie abzutransportieren, auszuheilen und der Truppe wieder zuzuführen.“ – 16).
• die militärmedizinische Ausbildung, die die Begriffe Lehre, Heranbildung, Fortbildung und Weiterbildung subsummierte;
• die militärmedizinische Forschung, auch als militärmedizinisch-wissenschaftliche Arbeit oder Forschung und Entwicklung bezeichnet, und zu der ebenfalls die Neuererarbeit gezählt wurde und
• die internationale militärmedizinische Zusammenarbeit.

Die Organisation der Militärmedizin (militärmedizinische Organisation)
Die militärmedizinische Organisation charakterisierte den Aufbau, die Gliederung und die Struktur der Kräfte und Mittel zur medizinischen Sicherstellung der Streitkräfte im Frieden und im Krieg. In der DDR wurde unter diesem Begriff, der nach dem Vorbild der  sowjetischen Militärmedizin an die Stelle des Begriffs Sanitätsdienst getreten war, in erster Linie der medizinische Dienst der NVA als Institution, Einrichtung oder Träger der medizinischen Sicherstellung verstanden. Er fand darüber hinaus für alle medizinischen Organisationen in den bewaffneten Organen Anwendung.
(Das Militärlexikon der DDR gibt folgende Erläuterung des Begriffs:
„Medizinischer Dienst: Teil der rückwärtigen Dienste, der den Schutz der Gesundheit des Personalbestands, die rechtzeitige medizinische Hilfe für die Geschädigten und Kranken und die rasche Wiederherstellung ihrer Gesundheit und Einsatzfähigkeit gewährleistet.
Zu den wichtigsten Kräften des medizinischen Dienstes gehören:
- Sanitäter/Sanitätsunteroffiziere, die nach praktischer Ausbildung und Besuch von Lehrgängen befähigt sind, ihrer Qualifikation entsprechende Maßnahmen der ersten medizinischen Hilfe und des Gesundheitsschutzes zu organisieren und durchzuführen;
- Offiziere der rückwärtigen Dienste, die über eine abgeschlossene militärische Hochschulausbildung verfügen und nach einer Verwendungsausbildung im medizinischen Dienst eingesetzt werden;
- Militärärzte, Militärzahnärzte, Militärapotheker, die über die entsprechende humanmedizinische, zahnmedizinische bzw. pharmazeutische Hochschulausbildung verfügen und mit der jeweiligen staatlichen Anerkennung als Offiziere des medizinischen Dienstes eingesetzt werden.
Medizinische Mittel sind Gegenstände, die für die Prophylaxe, Therapie und Metaphylaxe des Personalbestands der Truppen notwendig sind und durch den medizinischen Dienst bereitgestellt werden.“ – 16).
Zur militärmedizinischen Organisation im Frieden/unter Garnisonbedingungen zählten (Die nachfolgende Darstellung berücksichtigt die Gliederung bis zur Ebene der Teilstreitkräfte. Detaillierte Angaben sind in späteren Beiträgen vorgesehen.):
• Medizinischer Dienst der dem MfNV direkt unterstellten zentralen Einheiten/Truppenteile und Einrichtungen (Erich- Weinert- Ensemble, Zentrales Musikorchester, Poliklinik des MfNV, u. a.), unterstellt der Abteilung Rückwärtige Sicherstellung (ARSst).
• Verwaltung Medizinischer Dienst (in den Anfangsjahren Verwaltung des medizinischen Dienstes) des MfNV mit den unmittelbar unterstellte Einrichtungen:
- Militärmedizinische Akademie Bad Saarow (vorher Zentrales Lazarett der NVA);
- Militärmedizinische Sektion an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald;
- Lazarett der NVA in Dresden;
- Kureinrichtungen der NVA;
- zentrales medizinisches Versorgungslager in Mittenwalde.
• Medizinischer Dienst der Landstreitkräfte (LaSK):
- Medizinischer Dienst der direkt unterstellten Einheiten/Truppenteile;
- Medizinischer Dienst der Militärbezirke III (Leipzig) und V (Neubrandenburg);
- Lazarette der Militärbezirke in Gotha, Leipzig, Ückermünde und Neustadt-Glewe.
• Medizinischer Dienst der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung:
- Medizinischer Dienst der Einheiten/Truppenteile/Verbände;
- Institut für Luftfahrtmedizin.
• Medizinischer Dienst der Volksmarine:
- Medizinischer Dienst der Einheiten/Truppenteile/Verbände;
- Lazarett der Volksmarine Stralsund;
- Marinemedizinisches Zentrum Stralsund.
• Medizinischer Dienst der Grenztruppen der DDR.
- Medizinischer Dienst der Einheiten/Truppenteile/Verbände.
• Medizinischer Dienst der Zivilverteidigung (nach der Unterstellung der NVA).
• Medizinischer Dienst der Stadtkommandantur.
Besondere Institutionen der Militärmedizin in der DDR waren die Gesellschaft für Militärmedizin und die Fakultät für Militärmedizin des Wissenschaftlichen Rates der EMAU/später der MMA. Eine Sonderrolle spielte in den 1960er Jahren die „Problemkommission Medizinische Sicherstellung der Landesverteidigung“ des „Koordinierungsrates der medizinischen Wissenschaften“ des MfGe, deren Leiter Prof. Dr. Oberdoerster und danach Prof. Dr. Scheler und deren Sekretär Major/OSL Dr. Edgar Steiner waren.

Die Militärmedizin als wissenschaftliche Grundlage der medizinischen Sicherstellung der Landesverteidigung
Unter dem Aspekt der Rolle der Militärmedizin als wissenschaftlich-theoretische Grundlage der medizinischen Sicherstellung der Landesverteidigung zählten in der DDR als weitere Bereiche zur
• militärmedizinischen Praxis:
- die militärmedizinische Ausbildung der Studenten der Grundstudienrichtungen Medizin, Stomatologie und Pharmazie;
- die militärmedizinische Fortbildung der Ärzte, Zahnärzte und Apotheker;
- die Praxis des medizinischen Schutzes der Bevölkerung (1, 22) und zur
• militärmedizinischen Organisation:
- der medizinische Dienst im MdI und MfS  und der Kampfgruppen der Arbeiterklasse;
- die Einrichtungen, Kräfte und Mittel des medizinischen Schutzes der Bevölkerung (1, 22);
- die Abteilung I im Ministerium für Gesundheitswesen;
- die Abteilung Militärmedizin der Akademie für ärztliche Fortbildung der DDR und
- die Abteilungen für Militärmedizin der Universitäten und Medizinischen Akademien der DDR.
Die detaillierte Darstellung dieser Bereiche ist späteren Beiträgen vorbehalten.
Die nachfolgenden Bilder vermitteln eine Gesamtübersicht über das Geschilderte und sollen dem Leser/Nutzer das Verstehen der Zusammenhänge erleichtern. Außerdem ist beabsichtigt, bereits publizierte Beiträge farblich zu unterlegen, so dass es jederzeit möglich sein wird, sich einen Gesamtüberblick über die aktuelle Situation der veröffentlichen Beiträge zu verschaffen

Epilog
Die Herausbildung der Militärmedizin kann auf eine lange Geschichte zurückblicken und liefert zahlreiche Belege dafür, wie von Herrschenden und militärischen Befehlshabern der Nutzen der medizinischen Hilfeerweisung für Soldaten zunehmend mehr erkannt wurde. Daneben beeinflussten Entwicklungen und Entdeckungen auf den verschiedensten Gebieten, beispielsweise im Bereich von Technik, Naturwissenschaften und Medizin, wesentlich die Entwicklung von  Formen und Strukturen der Hilfeerweisung.
Gleichwohl hatten zu allen Zeiten die Streitkräfte jenen wechselnden Interessen zu dienen, welche die in den Staaten jeweils Herrschenden  für richtig befanden.  Die nationalen Streitkräfte sahen sich oft genug nach ihrer Integration in entstandene Bündnissysteme fortan von anderen Führungsgremien bestimmt.
Auch die Geschichte der NVA wurde durch die nach 1945 entstandenen politischen und militärischen Blockbildungen in entscheidendem Maße beeinflusst. Diese Situation führte  in der DDR zu  militärischen Konzepten, die stark von den politischen Zielen der UdSSR und den  Erfahrungen der Sowjetarmee geprägt waren und das militärische Sicherheitsverständnis der DDR, die Bewaffnung und Ausrüstung der nach  und nach aufzustellenden Truppenteile und Einheiten (TT/E), die militärische Terminologie und Kommandosprache sowie die politische Ausrichtung und militärische Ausbildung der Soldaten der KVP/NVA und eben auch der Militärmedizin bestimmten.
Der vorliegende Beitrag unterstreicht, dass es ungeachtet dessen Raum gegeben hat für eigenständige wissenschaftliche Arbeit und Überlegungen, die jedoch auf Grund der gesellschaftspolitischen Veränderungen Anfang der 1990er Jahre nicht zu Ende geführt werden konnten. Die Verfasser gehen davon aus, dass die Darstellung und Bewertung dieser bedeutsamen militärpolitischen und gesellschaftlichen Veränderungen den Fachhistorikern zu überlassen ist. Im vorliegenden Beitrag wird vielmehr die Militärmedizin in der DDR so beschrieben, wie sie nach verfügbaren persönlichen und Originaldokumenten verstanden, interpretiert und praktiziert worden ist. Die weitere Auswertung der jetzt zugänglichen Unterlagen im Bundesarchiv wird zu einer angestrebten Vervollständigung der bisherigen Aussagen führen. Dabei werden sich die Autoren auch weiterhin von dem allgemeingültigen Grundsatz historischer Untersuchungen leiten lassen, dass eine nachträgliche Beurteilung und Bewertung von Erscheinungen und Ereignissen der Vergangenheit aus heutiger Sicht sich unter dem Aspekt der unverfälschten wissenschaftlichen Wiedergabe der konkret-historischen Situation verbietet.
Die verwendete Literatur belegt, dass die Militärmedizin in der DDR durch das politische und gesellschaftliche System dieses Staates geprägt war und als Teil desselben von der in ihm herrschenden Politik, Ideologie und Weltanschauung bestimmt wurde. All das spiegelt sich z. B. in Formulierungen wie „Sozialistische Militärmedizin“, „Klassencharakter der Militärmedizin“, „Militärischer Klassenauftrag des sozialistischen Militärarztes“ u. a. in militärmedizinischen Publikationen und Dokumenten wider. Ungeachtet dessen verstand sich die Militärmedizin in der DDR stets als Medizin, verpflichtet deren humanistischem Anliegen (20).
Mit Blick auf das berufliche Selbstverständnis erscheint es den Verfassern an dieser Stelle deshalb wichtig, darauf zu verweisen, dass sich die Militärärzte, -zahnärzte und –apotheker der NVA in ihrer Eigenschaft als Armeeangehörige, durchaus den hippokratischen Prinzipien verpflichtet fühlten. Wie anders wären ansonsten auch viele von ihnen  nach 1990 imstande gewesen, ihren Beruf im Sanitätsdienst der Bundeswehr fortzusetzen, in der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie mitzuwirken oder im zivilen Leben beruflich bestehen zu können? Hier eröffnet sich noch ein weites Feld notwendiger wissenschaftlicher Untersuchungen.

 Literatur

1. Autorenkollektiv, Der Medizinische Schutz der Bevölkerung, VEB Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1979
2. Fischer, Egbert und Werner Knoll, Zu wesentlichen Rahmenbedingungen und Inhalten des Alltagslebens in der Nationalen Volksarmee, 6. Die medizinische Betreuung. In: Was war die NVA? Studien – Analysen – Berichte. Zur Geschichte der Nationalen Volksarmee, Seiten 251 – 257.  Herausgeber: Arbeitsgruppe Geschichte der NVA und Integration ehemaliger NVA-Angehöriger in Gesellschaft und Bundeswehr beim Landesvorstand Ost des DBwV, Berlin 2001
3. Georgiewski, A. S., Osnowy wojennoj mediziny (russ.), Leningrad 1974
4. Gestewitz, H., Anforderungen der sozialistischen Landesverteidigung an den Arzt. In: Schriftenreihe der MMA, Heft 2, Bad Saarow 1985
5. Handbuch Militärmedizin. Band „Organisation und Taktik des medizinischen Dienstes“, Militärverlag der DDR. Berlin 1984
6. Handbuch Militärmedizin. Band „Militärtoxikologie und Militärradiologie“, Militärverlag der DDR, Berlin 1984
7. Handbuch Militärmedizin. Band „Innere Militärmedizin“, Militärverlag der DDR, Berlin 1985
8. Handbuch Militärmedizin. Band „Feldchirurgie“, Militärverlag der DDR, Berlin 1986
9. Handbuch Militärmedizin. Band „Militärhygiene und Feldepidemiologie“, Militärverlag der DDR, Berlin 1987
10. Handbuch Militärmedizin. Band „Militärpharmazie“, Militärverlag der DDR, Berlin 1988
11. Handbuch Militärmedizin. Band „Organisation der medizinischen Betreuung unter Garnisonbedingungen“, Militärverlag der DDR, Berlin 1989
12. Handbuch Militärmedizin. Band „Organisation der medizinischen Betreuung unter Garnisonbedingungen“. Militärverlag der DDR, Berlin 1989
13. Handbuchreihe für Militärmedizin. Bände: „Militärpharmazie und Militärmedizintechnik“, Deutscher Militärverlag, Berlin 1971; „Medizinische Sicherstellung im Kriege“, Deutscher Militärverlag, Berlin 1972; „Medizinische Behandlung und Begutachtung“, Deutscher Militärverlag, Berlin 1972; „Vorbeugender Gesundheitsschutz“, Deutscher Militärverlag, Berlin 1973; „Therapieempfehlungen für den Truppenarzt“, Deutscher Militärverlag, Berlin 1973; „Innere Militärmedizin“, Deutscher Militärverlag, Berlin 1974; „Feldchirurgie“, Deutscher Militärverlag, Berlin 1975
14. Informationsmaterial zum Thema „Grundsätze des Medizinischen Schutzes der Bevölkerung“, Ministerium für Nationale Verteidigung, Medizinische Verwaltung, 1965
15. Militärlexikon, Militärverlag der DDR, Berlin 1973
16. Kempf, W., Die Aufgaben der Abteilung I im Ministerium für Gesundheits- und Sozialwesen der DDR bei der Sicherstellung der Landesverteidigung. In: Beiträge Wehrmedizin und Wehrmedizin, Band 18. Geschichte des Medizinischen Dienstes der NVA – Teil II. Herausgegeben von Franz.-J. Lemmens, Beta Verlag Bonn, 2009, ISBN 3-937603-90-2
17. Militärmedizin. Hochschullehrbuch für Studenten der Medizin und Stomatologie. Militärverlag der DDR, Berlin 1978
18. Steiner, Edgar, Die Aufgaben des Ministeriums für Gesundheitswesen bei der medizinischen Sicherstellung der Landesverteidigung, Vortrag vor der Schulungsgruppe des Chefs Medizinischer Dienst des Ministeriums für Nationale Verteidigung, Greifswald 1967 (Persönliches Archiv, Vorträge Nr. 5)
19. Steiner, Edgar, Das Zusammenwirken des medizinischen Dienstes der NVA und des zivilen Gesundheitswesens der DDR im System der medizinischen Sicherstellung der Landesverteidigung, Promotionsarbeit B (GVS), Leningrad 1968
20. Steiner, E. R., Die Militärmedizin in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Festvortrag auf der 2. Plenartagung des Wissenschaftlichen Rates zur Verleihung akademischer Grade und zur Erteilung der facultas docendi – 21. April 1978, Z. Milmed. 19 (1978), S. 227-230
21. Steiner, E. R. und F.-J. Lemmens, Zum Verständnis der Militärmedizin in der DDR. In: Beiträge Wehrmedizin und Wehrmedizin, Band 18. Geschichte des Medizinischen Dienstes der NVA – Teil II. Herausgegeben von Franz.-J. Lemmens, Beta Verlag Bonn, 2009, ISBN 3-937603-90-2
22. Wagner, Gert, Beige, Ulrich und Heier, Horst, Der Medizinische Schutz. Ein Kompendium über die Grundlagen des Medizinischen Schutzes der Bevölkerung vor den Auswirkungen des gegnerischen Einsatzes von Massenvernichtungsmitteln. Internes Lehrmaterial für die Bildungseinrichtungen des Gesundheitswesens im Bezirk Magdeburg (NfD), 1971

 

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     Die Militärmedizin in der DDR (1) – Theorie, Praxis und Organisation
BU3
     Die Militärmedizin in der DDR (1.1) – Militärmedizinische Praxis
BU4
                           Die Militärmedizin in der DDR (1.2) – Militärmedizinische Organisation
BU5
              Die Militärmedizin in der DDR (2) – Wissenschaftliche Grundlage der MSLV
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